Institut für den Nahen und Mittleren Osten
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Die Mozaraber: Kulturelle Identität zwischen Orient und Okzident

Die Mozaraber und die arabische Literatur der Muslime

Durch die islamische Herrschaft über den Andalus wurde eine Selbstpositionierung der Mozaraber, hier vor allem als arabisierte Christen im Andalus verstanden, als christliche Gemeinschaft gegenüber der Religion der muslimischen Elite erforderlich. Dadurch unausweichliche Akkommodationsprozesse sind seit dem Frühmittelalter beispielsweise im Rahmen des Adoptianismusstreits in lateinischen Quellen deutlich sichtbar. Die mozarabischen Auseinandersetzungen mit dem Islam schlugen sich unter anderem in einem Corpus „islamkundlicher“ Schriften (zum Teil apologetischen, zum Teil polemischen Charakters) nieder, die deutlich Kernpunkte der religiösen Differenzwahrnehmung thematisieren und so zugleich einen Spiegel mozarabischer Selbstwahrnehmung bieten.

Da gerade die arabischen Texte dieses Corpus nur in antichristlichen Polemiken der andalusischen Muslime (Ibn Ḥazm, Kitāb al-faṣl fI l-milal wa-l-ahwāʾ wa-n-niḥal; al-Bāǧī, Ǧawāb ʿalā risālat ar-rāhib min Ifransa; al-Ḫazraǧī, Maqāmiʿ aṣ-ṣulbān fī radd ʿalā ʿabdaṯ al-awṯān; al-Qurṭubī, Kitāb al-Iʿlām bi-mā fī dīn an-naṣārā min al-fasād wa-l-awhām) überliefert wurde, konnten im Projekt mozarabische Selbst- und muslimische Fremdwahrnehmung vergleichend analysiert werden. Dabei wurde deutlich, dass die Rolle der andalusischen Christen beim Kulturtransfer sich nicht nur auf die Vermittlung von Kenntnissen vom Islam beschränkte, sondern dass sie auch gezielt theologisches Wissen von orientalischen Christen übernahmen und teilweise auch ins lateinische Europa weiter vermittelten. Dabei war jedoch keine bewusste Abkehr von den Traditionen der lateinischen Kirche verbunden. Auch wenn sich etwa Indizien für Einflüsse syrischer oder griechischer Bibelübersetzungen auf die andalusischen Übersetzungen finden, sind deren Hauptvorlagen immer die Vulgata oder die Vetus latina geblieben. Trotzdem beweisen die zahlreichen Varianten in der Evangelienübersetzung durch Iṣḥāq bin Bilašku, die auch von Muslimen ausführlich zitiert und für polemische Zwecke ausgewertet wurde, dass in der ansonsten durch Quellen schlecht erschlossen Zeit des zehnten und elften Jahrhunderts intensive theologische Debatten unter den andalusischen Christen geführt wurden.

Beim muslimische Bild der andalusischen Christen konnten dagegen Veränderungen aufgezeigt werden, die auf den zunehmenden militärischen Erfolg der „Reconquista“ zurückgeführt werden können. So stellt Ibn Ḥazm die Christen als ḏimmīyūn dar, die den Islam von innen zersetzen, um durch dieses Feindbild die Muslime zu einen. Bei den späteren Muslimen wird gegen die Christen polemisiert, um sich der eigenen intellektuellen Überlegenheit zu vergewissern, wobei man immer mehr das Interesse an den andalusischen Christen verlor, da diese weitgehend deportiert worden waren und die Christen in Form der nordiberische Reiche als äußerer Feind auftraten.

Das Projekt konnte somit zeigen, dass die arabisierten Mozaraber integrative Wirkungen vor allem zwischen verschiedenen christlichen Gemeinschaften entfalteten. Für die Muslime, die sich ihrer Differenzen zu anderen Christen nicht bewusst waren, blieben sich dagegen ein Exempel für die Notwendigkeit kultureller Segregation.