Institut für den Nahen und Mittleren Osten
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Türkische Studien

Türkische Studien Türken, Turkvölker, Osmanen, auf die Türkei Bezogenes, dabei selbst gar nicht Türkisches – Kurdisches zum Beispiel, oder Armenisches… Dann die Gemeinschaften und Völker Mittelasiens, Migranten in großen Teilen Eurasiens und die Breite des Spektrums von der Sprachwissenschaft und den Literaturen über die Geschichte und religionswissenschaftlichen Fragen zu den Sozialwissenschaften und kulturwissenschaftlichen Disziplinen: all das sind die Gegenstände der Türkischen Studien, die sich vielfältig mit Nachbarfächern überschneiden: der Islamkunde, der südosteuropäischen Geschichte, der Iranistik, der Byzantinistik, der islamischen Kunstgeschichte und so weiter.

Dabei haben sich die Türkischen Studien aus der Turkologie herausentwickelt, die der Lehrstuhl zwar noch in seinem Namen trägt, die aber wesentlich eine Philologie war und damit heute nicht mehr haltbaren romantischen Vorstellungen vom Geiste eines Volkes verpflichtet, der sich in Sprache und Literatur abbilde. Dennoch sind die philologischen Grundlagen des Faches unverzichtbare Grundlage: historische Quellen, literarische Texte und auch eine zeitgenössische publizistische oder akademische Auseinandersetzung lassen sich ohne philologische Technik wissenschaftlich nicht adäquat analysieren.

Das aber tun wir in München: am Lehrstuhl wird zur Geschichte des Osmanischen Reiches, zur türkischen Literatur und über die zeitgenössische Reflektion zu Vergangenheiten einschließlich der eigenen Disziplingeschichte geforscht. Unsere Sprachlehrer publizieren zur Didaktik des Türkischen, zur Gegenwartssprache und der türkischen Sprachpolitik.

Lehre

In der Lehre vermitteln wir von Anfang an Methoden dieses systematischen, kritischen Nachdenkens. Auf der Ebene des BA (Bachelor of Arts) in Nah- und Mittelost-Studien steht daneben für diejenigen, die einen türkischen Schwerpunkt wählen, der Erwerb der aktiven (Sprechen, Schreiben) und passiven (Verstehen, Lesen) Kenntnis des Standard-Türkischen im Vordergrund, so wie es heute in der Türkei benutzt wird.

Der BA hat neben wissenschaftlichen auch berufsorientierte, praktische Elemente. Anders der vorwiegend wissenschaftlich ausgerichtete MA (Master of Arts) in Nah- und Mittelost-Studien, bei dem intensiv und akademisch mit Originaltexten gearbeitet wird und der auch einen Zugang zu älteren Formen des Türkischen öffnet, die meist „Osmanisch“ genannt werden, wenn sie in arabischer Schrift festgehalten wurden. Zentrale Themen sind osmanische Geschichte, türkische Literatur, Reflektion über Historiographie und Fachgeschichte. Neben dem Standard-Türkischen und seinen älteren Formen können Studierende auch Usbekisch, die nach dem Türkischen am weitesten verbreitete Turksprache, sowie das West-Armenische und Kurmandschi-Kurdische lernen, die keine Turksprachen, aber im Osmanischen Reich und der Republik Türkei bedeutend sind. Außerdem: um unsere Studierenden auf die Herausforderungen in der freien Wirtschaft sowie der Wissenschaft adäquat vorzubereiten, werden zahlreiche Seminare und Übungen auf Englisch gehalten.

Die Promotion zum Dr.phil. ist das einzige Studienangebot, das rein für Türkische Studien zur Verfügung steht. Daneben können entsprechende Themen auch im Rahmen einer Promotion in Kultur und Kultur des Nahen und Mittleren Ostens und in Islamwissenschaft behandelt werden.

Forschung 

Erster Gegenstand der Forschung am Lehrstuhl ist seit seiner Errichtung 1946 das Osmanische Reich. Dieses war eine mediterrane Gesellschaft, die sowohl Europa als auch den Nahen Osten nachhaltig geprägt hat. Das lateinische Europa hat einen Begriff von sich selbst zu einem guten Teil in der Auseinandersetzung mit und in Abgrenzung von den Osmanen gefunden; tatsächlich aber haben die lateineuropäische und die osmanische Kultur einen Raum geteilt und waren eng verflochten. Die osmanische Gesellschaft zeichnete sich dabei durch eine innere Vielfalt aus, die in Kontrast zu der mit den Religionskriegen einsetzenden Tendenz zur Homogenisierung in europäischen Ländern steht.

Das Osmanische Reich und die Republik Türkei haben Anteil an der Moderne und dabei ihre eigenen Ausprägungen hervorgebracht; die Ausbildung von Nationalstaaten auf dem Boden des Reiches war dabei zum Teil besonders traumatisch, weil Vertreibungen und Völkermord bis heute nicht überwundenen Schaden angerichtet haben. Die türkische Literatur hat am Ende des 19. Jahrhunderts einen radikalen Wandel durchgemacht und sich den Begriffen der modernen Literatur des lateinischen Europa und Nordamerikas angeschlossen. Umgekehrt waren die Türkischen Studien in Europa nachhaltig von Konstruktionen „westlicher“ Überlegenheit, von Rassismus und Orientalismus geprägt, oft auch politisch motiviert. Das änderte sich auch nicht durch den Dialog der türkischen Studien in Deutschland mit den Regionalstudien, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst in den USA entstanden und bald das Feld dominierten.

Der teilweise Anschluss an angelsächsische Forschungsperspektiven fiel in München möglicherweise deshalb besonders leicht, weil die Konzentration auf die „Realienkunde“ seit der Gründung des Lehrstuhls 1946 ebenfalls eine Loslösung von der Philologie implizierte (dabei aber von Entwicklungen in den USA ganz unabhängig war). Vorstellungen davon, „der Westen“ sei eine historische Ausnahme der Überlegenheit, fanden seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der türkischen Forschung ihre Entsprechung in nationalistischen Überzeugungen einer Unvergleichbarkeit der türkischen Kultur, die mit der Verdrängung beziehungsweise Verleugnung missliebiger Aspekte der als „eigener“ reklamierten Geschichte einherging und oft noch -geht. Die kritische Reflexion der Fachgeschichte ist deswegen ein weiteres Forschungsfeld des Lehrstuhls.

Dissertationsthemen, die in den letzten Jahren oder zur Zeit bearbeitet werden, betreffen u.a. die Geschichte der armenischen Gemeinschaft in der Türkei in den 1930er und 1940er Jahren, das Konzept romantischer Liebe in osmanischen Romanen, die Mechanismen der Ausbreitung osmanischer Herrschaft in Südosteuropa, die Schiiten im späten Osmanischen Reich, deutsche Quellen des türkischen Nationalismus, Sprachpolitik in der Republik Türkei und die historische Analyse eines Kadiamtsregisters aus der nordmesopotamischen Stadt Mardin. Eine enge Zusammenarbeit besteht mit der Graduiertenschule „Ost- und Südosteuropa“ und dem Graduiertenkolleg „Funktionen des Literarischen in Globalisierungsprozessen“, in denen bei Christoph K. Neumann weitere Promotionen entstehen. Er ist im Rahmen der DFG-Forschergruppe „Urbane Ethiken“ auch an einem Forschungsprojekt „Das Erbe und das Überflüssige“ beteiligt, das sich mit der Ethik des Denkmalsschutzes in Istanbul auseinandersetzt und von Julia Strutz bearbeitet wird. Ein weiteres DFG-Projekt zu „Verband und Identität im Mittelmeerraum, 1300-1600“ bearbeitet Dr. Adrian Gheorghe.

Leitung

Prof. Dr. Christoph K. Neumann

Prof. Dr. Neumann, Christoph K.

Telefon: 0049-89-2180-5027

E-Mail: christoph.neumann@lmu.de

Adresse

Ludwig-Maximilians-Universität
Institut für den Nahen und Mittleren Osten
Fachbereich Turkologie
Veterinärstr. 1
D-80539 München

Sekretariat

Semen, Elfie

Telefon: 0049-89-2180-2434

Fax: 0049-89-2180-3799

E-Mail: e.semen@lmu.de

Öffnungszeiten: Mo – Do 09:30 – 13:00 Uhr

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